Womit verbinden sich die Tausende von Punkten, die auf den Arbeiten von Veronika Moshnikova zu sehen sind? Zunächst einmal verbinden sie sich untereinander. Allerdings nicht zu einer Komposition – sie wollen nichts darstellen. Sie sind, was sie sind: «brush-traces» (Pinselabdrücke, Pinsel-Spuren). Pinsel-Spuren als Existenzbelege?
Ehrlichkeit gegenüber sich selbst sei ihr in ihrer Arbeit enorm wichtig, erklärt die Künstlerin im Gespräch. Ihr Ansatz sei gewesen, Zeit, Gefühle und emotionale Zustände zu dokumentieren. Ihre Zeit (wie durch ein Brennglas) zu observieren. Mit Punkten. Sie habe sich zum Beispiel die Regel gegeben, dass ein Punkt einen anderen nicht überdecken darf. Dass es somit immer weiter geht – und dass jede Geste, jede Erfahrung als Erlebnis sichtbar bleibt. Eigentlich seien es ja keine Punkte – sondern Abdrücke von Pinseln. Sie fange nicht oben links an, sondern irgendwo auf dem Bild. Und arbeite sich dann weiter – bis zu einem Jahr lang. Immer nur an einem Bild.
Es scheint, als hätten diese Bilder ihr geholfen, schlechte Emotionen zu übersetzen: sie zu abstrahieren, zu neutralisieren, ihnen eine Form zu geben. Bis zu 16 Stunden am Tag habe sie daran gearbeitet. Als ich frage, ob sie dabei Musik gehört hätte, schüttelt sie fast schon entsetzt den Kopf. Die Stille sei sehr wichtig gewesen. Und natürlich waren das mehr als Experimente, mehr als Exerzitien. Es verband sich eine Notwendigkeit mit diesem vermeintlich eintönigen Tun. Um die Passivität Punkt für Punkt in eine Aktivität zu verwandeln. «I wanted to do it» drückt den Nachdruck, den Willen aus, der in diesem Tun liegt. «Ich habe diesen Raum gebraucht, um Stabilität, um Ruhe wiederzufinden. Danach fühlte ich mich viel freier.»
In der Stille habe sich das Erinnerte von ihr entfernt. «Time record», so heisst die Werkgruppe, an der Veronika Moshnikova nunmehr seit fast zehn Jahren arbeitet, sei für sie ein «Countdown» gewesen, um zu vergessen. Moshnikova ist auf der Krim geboren. 2010 hat sie die Halbinsel verlassen, um in Polen Kunst zu studieren. Nach der russischen Annexion der Krim im Jahr 2014 realisierte sie, dass sie nicht mehr zurückkonnte. Sie spürte, was kommen würde. Nun habe sich dort alles verändert: das Geld, die Autonummern, die Musik im Radio, das Essen im Supermarkt. Ihre Heimat existiere – auch mental – nicht mehr.
«I'm nowhere [when I paint]; I don't exist.» Sagt sie – und meint vielleicht exakt das Gegenteil. Im Malen gibt sie sich einen Platz, einen Punkt zurück. Im Malen existiert sie. Ihr Werk beschäftigt sich auch sonst mit dem Verlust der Heimat – und mit dem Aufbau von neuer Geborgenheit in einer Umgebung, in der erst alles anders, alles fremd gewesen sei.
«Time record» ist eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – in der Gegenwart – für die Zukunft. In der Transformation von Vergangenheit in Gegenwart und Zukunft liegt etwas, das ihr am allerwichtigsten sei, sagt Moshnikova: etwas Übernatürliches. Energie. Etwas Mystisches, Spirituelles? Sie könne sich dadurch «Landkarten, Topografien von Energie, von psychologischer Zeit» erschaffen. Vielleicht auch: Zeit individualisieren, personalisieren. Zeit, in die so gewalttätig eingebrochen worden ist, wieder zu ihrer Zeit machen. Wie schwierig es ist, in diesem «Monolog» (Moshnikova) mit der eigenen Zeit nicht zu versinken, ist nicht zu ermessen.
Es ist ein Monolog zwischen der inneren (eigenen) Zeit und Erfahrung, und einer äusseren Zeit, über die sie im Moment der Ereignisse nicht bestimmen konnte. Nun, in der Revision der Ereignisse, kann sie es. Sie wird vom Objekt zum Subjekt. Und kann den äusseren Agenten ersetzen durch einen neuen, der unvoreingenommen und nicht befleckt ist: durch die Betrachter:innen ihrer Kunst. Die Auseinandersetzung, die sie ganz allein mit ihrer Zeit verbringt, kann sie nun mit anderen Menschen teilen, sich und ihre Zeit mit anderen verbinden. Um die Vergangenheit mit der Gegenwart und einer Zukunft zu verbinden, den einen geografischen Raum mit dem anderen, gegenwärtigen. Und sich damit – in aller Bewusstheit – herauszuarbeiten aus einem gewaltigen Trauma, das die eigene Existenz bestimmt. Die Art und Weise, wie bewusst, wie reflektiert sie das (in jungen Jahren) tut, ist mehr als nur beeindruckend. Und auch der Satz, der dann auch noch kommt: «Ich möchte auf keine Kriegsverbrechen zeigen – nicht in diesem Moment.»
Um traumatische Bilder geht es auch in einer neuen Werkgruppe, die sich «Sensitive» nennt. Der Titel bezieht sich weniger auf die Sensibilität der Künstlerin, sondern auf «sensible» Inhalte von Bildern. Und auch nicht primär auf Bilder, die sie in der analogen Realität gesehen habe, sondern im Internet, auf Kanälen wie Telegram. Sie habe keine Wahl gehabt – sie habe die Wahrheit sehen wollen. Nun muss sie damit umgehen – mit Bildern, die sie nie mehr vergessen wird. Sie versucht das, erstaunlicherweise, mit einem Kinderspiel. Mit dem Spiel «Malen nach Zahlen», 1962 von Andy Warhol zur Kunst erhoben. Sie investiert Geduld, Anstrengung und Zeit darin, diese Bilder «zu verstehen» (Moshnikova). Wer die Punkte nach Zahlen miteinander verbindet, sieht ein Bild, das er:sie nie hätte sehen wollen, nie vergessen wird. So können alle für sich selbst entscheiden, wie viel sie von der Wahrheit sehen wollen. Wir haben die Wahl – andere nicht. (sm)